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WAS KOSTET DAS EWIGE AUFSCHIEBEN?

Aktualisiert: 8. Nov. 2021



Chronisches Aufschieben ist ein Problem, mit dem sich vor allem Studierende herumplagen*. Woran liegt das und welchen Preis zahlt man dafür?


Der Fachbegrifff für chronisches Aufschieben ist Prokrastination, was auch wörtlich so viel wie „auf morgen verschieben“ bedeutet. Unter Prokrastination fällt nicht das zeitliche Verschieben von Dingen, die irrelevant sind oder die man aus gutem Grund verschiebt. Um Prokrastination handelt es sich, wenn das Aufschieben dysfunktional ist, was meint, dass man damit die eigenen Ziele oder Interessen konterkariert. Wer prokrastiniert, schadet sich, zumindest auf längere Sicht, selbst.

Den Forschungsstand zusammenfassend, nennt der kanadische Forscher Piers Steel vier Variablen zur Berechnung von Prokrastination. Inwieweit ich motiviert bin oder eben nicht, eine Aufgabe wie geplant anzugehen und umzusetzen, hängt demnach ab

  1. vom Wert (value), den die Aufgabe für mich hat,

  2. von meiner Erwartung (expectancy), diese Aufgabe bewältigen zu können,

  3. von meiner Impulsivität (impulsiveness) und

  4. von der zeitlichen Entfernung (delay) zum (Angabe-)Termin.

Die Zutaten für Motivation leuchten unmittelbar ein: Wir raffen uns nicht für etwas auf, in dem wir keinen Wert sehen. Ziele, die wir nicht zu erreichen glauben, geben wir schnell bzw. bei der ersten Herausforderung gleich wieder auf. Wer zur Ablenkbarkeit neigt, ist besonders gefährdet, erst seine Nachrichten zu checken oder die Wohnung aufzuräumen, statt loszulegen. Und schließlich - wer kennt es nicht - je weiter etwas in der Ferne liegt, desto geringer der innere Druck, anzufangen: Ist ja noch so viel Zeit!

Ebenso offensichtlich ist, dass wir uns schaden, wenn wir das, was wir wollen und können, dennoch nicht tun. Weil wir zwar das Ziel erreichen, aber den Weg dahin nicht so gern gehen wollen. Dafür zahlen wir, zumindest auf die Dauer, einen Preis.

Prokrastinieren „verursacht neben Stress und Hektik bei der Aufgabenerledigung‚ auf den letzten Drücker’ viel Ärger und anhaltende Unzufriedenheit, Beeinträchtigungen im beruflichen Fortkommen, Störungen in persönlichen Beziehungen und nicht zuletzt erhebliche Scham- und Unzulänglichkeitsgefühle in Verbindung mit einem negativen Selbstbild.“ Engberding et al., 2017: 417

Man muss die immensen gesamtwirtschaftlichen gar nicht nennen, die mit dem Aufschieben einhergehen, die persönlichen Kosten sind hoch genug. Und die können finanzieller Natur sein - jedes zusätzliche Semester kostet Geld - noch schmerzlicher, weil nachhaltiger, sind oft aber zwei andere Arten von „Kosten“: Erstens Lebenszeit, die verloren geht und über die wir definitiv nicht unbegrenzt verfügen, und zweitens Selbstvertrauen und Freude daran, sich Zwecke und Ziele zu setzen. Ohne Zwecke hat man aber auch keinen Maßstab für gut und schlecht. Und ohne Ziele keinen Weg.


Die gute Nachricht? Ja, die gibt es: Man kann Prokrastination verlernen!

„If we did all the things we are capable of, we would literally astound ourselves.“ Thomas A. Edison

*"Bis zu 70% aller Studierenden geben an, aufschiebendes Verhalten im Studium häufiger zu zeigen (Schouwenburg 2004) und etwa 50% berichten, sogar regelmäßig studienrelevante Aufgaben, wie z. B. Seminarvorbereitungen, das Schreiben von Hausarbeiten oder das Lernen für Prüfungen aufzuschieben" (Day et al. 2000) (zitiert in: Lohbeck, Annette/Hagenauer, Gerda/Mühlig, Andrea/Moschner, Barbara/Gläser-Zikuda, Michaela (2017): Prokrastination bei Studierenden des Lehramts und der Erziehungswissenschaften, In: Zeitung für Erziehungswissenschaft 2017, Vol. 20, S. 521-536).


"Etwa 15 Prozent der Studierenden sind ernsthaft von Prokrastination betroffen" (Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 1/2018).


Engberding, Margarita/Höcker, Anna/Rist, Fred (2017): Prokrastination. Ursachen, Auswirkungen, Behandlungsmodule. In: Psychotherapeut 2017, Vol. 62, S. 417-421.


Steel, Piers (2011): The Procrastination Equation. How to stop putting things off and start getting things done. Edinburgh: Pearson.



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