UND ALLE WISSEN ES BESSER!


Kelly Sikkema (unsplash)

Mit dem ersten Nachwuchs bekommen Eltern von allen Seiten vermeintlich gut gemeinte Ratschlägen. Oft tragen diese zu Unsicherheit eher noch bei. Wie kann man in solchen Situationen entspannt bleiben und konstruktiv mit ihnen umgehen?


Mette und Eric sind seit zehn Tagen Eltern. Sie richten sich noch in ihrer neuen Rolle ein und pendeln emotional zwischen Entzückung, Dankbarkeit und müdigkeitsverstärkter Besorgnis hin und her.

Kurzfristig kündigen sich gute Freunde an: "Wir kommen nur kurz vorbei, den Nachwuchs betrachten." Es klingelt, während Eric in der Wohnung auf und ab läuft, um sein Kind zu beruhigen. Große Begrüßung und Begeisterung! Eric entschuldigt sich mit Kind in Richtung Schlafzimmer. Mette führt die beiden in die Küche, sie setzen sich, reden, Mette macht Tee. Eric dreht im Schlafzimmer seine Runden.

Es dauert, bis sich das Neugeborene beruhigt und einschläft. Eric geht sicherheitshalber noch ein paar Mal hin und her, legt seine Tochter dann vorsichtig hin, verlässt auf Zehenspitzen das Zimmer und lehnt die Tür nur an. Kaum sitzt er mit am Tisch, erklingt die kleine Stimme wieder. Mette will aufstehen, aber Paul legt ihr die Hand auf die Schulter: "Echt, Ihr seht so müde aus. Macht ihr euch nicht etwas verrückt? Musst du da jetzt wirklich sofort hin? Sie beruhigt sich doch sicher wieder und dann merkt sie auch gleich, dass ihr nicht sofort springt, wenn sie schreit."


Freeze. Die geschilderte Situation zeigt, was sich, so oder ähnlich, immer wieder abspielt, wenn Menschen ihr erstes Kind bekommen.

Pauls Äußerung offenbart zwei Fehleinschätzungen: Zunächst sind Müdigkeit und Unsicherheit bei frischen Eltern nicht unbedingt ein Ausdruck davon, dass irgendetwas aus dem Ruder läuft, sondern beides ist in dieser Phase des Elternseins unvermeidlich. Mit einem zehn Tage alten Säugling befindet man sich am Beginn eines Abenteuers, das sich vorher nicht simulieren lässt.

Entwicklungspsychologische Studien und Fachbücher sind wertvoll, denn sie vermitteln grundlegende Kenntnisse zu Bedürfnissen und Entwicklungsaufgaben von Kindern. Sie sagen Eltern aber nicht, was genau ihr Kind in einem bestimmten Moment braucht: Ob es sich wohlfühlt, ob es müde ist oder hungrig, Schmerzen hat oder Körperkontakt sucht. Wie der Kinderpsychiater Schulte-Markwort sagt, ist es die Aufgabe der Eltern, die kindlichen Bedürfnisse jetzt durch genaue Beobachtung zu erkunden und zu deuten, er nennt es "übersetzen".

Es kommt auf die Responsivität der Eltern an, also die Feinfühligkeit, mit der sie die kindlichen Signale wahrnehmen und zutreffend interpretieren. Und auf die angemessene und prompte Reaktion. Denn auch Pauls zweite Einschätzung ist falsch: ein Neugeborenes besitzt natürlich nicht die Fähigkeit, seine Bedürfnisse zu regulieren.

Elternschaft geht zwangsläufig erst einmal mit Unsicherheiten einher und geschlafen wird unregelmäßig, bis sich der Rhythmus von Eltern und Kind aufeinander eingestellt hat. Außerdem müssen Neugeborene nachts mehrfach trinken, weil allein das Wachstum ihres Gehirns jetzt eine große Menge Energie benötigt. So ist es und das ist kein Grund zur Sorge. Eher mutet es absurd an, wenn in dieser Situation außenstehende Menschen meinen, sie wüssten es besser.

Äußerungen wie die von Paul können zur Unsicherheit junger Eltern noch zusätzlich beitragen, man kann sie nicht gebrauchen. Wie geht man nun aber am besten mit ihnen um?

Von Vorteil ist es, sich das vorher zu überlegen. Und gegebenenfalls kurz mit dem Partner oder der Partnerin zu besprechen: Welche Art von Ratschlag und auch von anderen Formen der Hilfe möchte man insbesondere in der ersten Zeit mit Kind von wem annehmen? Wer das bereits für sich entschieden hat, bleibt entspannt und kann spontan klar formulieren, welche Art von Unterstützung willkommen ist und welche nicht. So kann es z.B. eine wunderbare Entlastung darstellen, für die jungen Eltern einkaufen zu gehen oder andere Besorgungen zu machen.

In der konkreten Situation darf man sich von unangemessenen Ratschlägen dann durchaus abgrenzen. Das lässt sich ausgesprochen freundlich tun. So oder anders: "Es ist schön, euch hier zu haben. Und Ihr müsst Euch keine Sorgen machen. Wir sind noch ganz aufgeregt, dieses kleine Wesen kennenzulernen. Und natürlich sind wir müde, Säuglinge müssen ja auch nachts erstmal mehrfach trinken. Aber es geht uns gut. Wir haben uns vorher informiert und uns steht eine kompetente Hebamme zur Seite. Und übrigens: Neugeborene sind noch nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse zu regulieren. Deshalb geht es jetzt darum, ihr Weinen zu deuten und ihre Bedürfnisse prompt zu stillen."



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