SIND WIR UNSEREN GEFÜHLEN AUSGELIEFERT? - NÖ.

Aktualisiert: Jan 31


Gefühle kommen uns vor wie Automatismen. Als reagierten wir auf das, was uns widerfährt, zwingend mit Ärger, Traurigkeit oder Scham. Doch dem ist nicht so. Wir haben da ein Wörtchen mitzureden.

Zu den 2500 Jahre alten und wissenschaftlicher Erkenntnis zufolge auch berechtigten Vorstellungen davon, wie Menschen funktionieren, gehört die Einsicht, dass Gefühle keine unmittelbaren Reaktionen auf das sind, was wir erleben, sondern auf unsere Bewertungen dessen. Wir freuen uns nur über Dinge, die wir für uns als positiv bewerten.

Einige dieser Bewertungen sind angeboren, evolutionär verankert. So zeigen bereits sechs Monate alte Kinder Stress, wenn man ihnen Fotos von Schlangen und Spinnen zeigt, obwohl sie den Tieren noch nie begegnet sind. Die meisten Bewertungen aber haben wir aus individuellen Erfahrungen gewonnen, man spricht auch von "gelernten Überzeugungen". Das erklärt, warum wir unterschiedlich reagieren: Während einige Menschen nach Hunden die Hand ausstrecken und sich an ihnen erfreuen, zeigen andere Angst und Kontaktvermeidung.

Wozu ist es nun aber nützlich, zu wissen, wie Denken und Fühlen zusammen hängen? Das Leben ist anstrengend, wenn man Hunde als Extremgefahr bewertet. Oder wenn man sich gleich als kompletten Idioten betrachtet, weil man einen Termin vergessen hat. Oder wenn man meint, die ganze Welt habe sich gegen die eigene Person verschworen, weil die Kassiererin bei Edeka unfreundlich ist. Das ist die Krux mit gelernten, aber unangemessenen, Bewertungen.


„In ihren Gebeten erbitten sich die Menschen Gesundheit von den Göttern; dass sie dazu die Macht in sich selber tragen, wissen sie nicht.“ Demokrit, Fragment 234


Schon Demokrit war der Überzeugung, dass wir Macht über das eigene Denken haben. Und also unseren Gefühlen nicht ausgeliefert sind. Einmal gelernte Bewertungen lassen sich auch neu lernen.


Wie das funktioniert? Grob gesagt braucht es dazu drei Schritte:

(1) Erst einmal gilt es, zu realisieren, dass nicht die Umstände unsere Gefühle verursachen, sondern wir selbst. Das tut schon mal gut, denn wo eben noch Ohnmacht war, können wir jetzt - auch wenn es schräg klingen mag - entscheiden, was wir fühlen wollen. Im Prinzip.


(2) Nun ist das Ziel ja nicht, alles sinn- und beziehungslos toll zu finden, sondern es geht darum, sich aufgrund unangemessener Bewertungen nicht unnötig zu ängstigen, aufzuregen oder zu schämen. Was wir fast alle - in unterschiedlichem Maß - irgendwann im Leben tun. Wer also unter negativen, vielleicht sogar quälenden, Gefühlen leidet, prüfe nun Gefühl und Bewertung auf Angemessenheit.


Bei Angst vor Hunden geht es dann um die Frage, inwieweit von ihnen tatsächlich Gefahr ausgeht. Der Recherche im Netz zeigt: Wenn man nicht im Tierheim arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit, an einem Hundeangriff zu sterben, extrem gering (deutschlandweit sterben jährlich im Durchschnitt 3,3 Personen an Hundeattacken, das entspricht bei 83 Mio. Menschen 0,00000398 Prozent; vgl. statista 2020). Manchmal führt ein Realitätscheck bereits dazu, dass man sich besser fühlt. Man kann sich von den alten Bewertungen distanzieren, sie über Bord werfen.


Aber ganz so einfach ist es nicht immer, in entsprechenden Situationen auch ab sofort zu glauben, dass Hunde in der Regel freundliche Zeitgenossen sind. Oder dass es nur schade ist, dass man den Termin vergessen hat. Oder dass die Kassiererin bei Edeka nur einen schlechten Tag und üble Laune hat. Das alte Denken ist nämlich neuronal gut "gebahnt", u.a. weil man es schon lange - oft seid der Kindheit - denkt, das neue hingegen nicht.


In diesen Fällen müssen die neuen Bewertungen (3) noch verinnerlicht werden. Gut ist, dass dabei effektive, in Therapie- und Coachingverfahren eingesetzte, Methoden helfen können. Weniger gut und bei näherer Betrachtung merkwürdig ist, dass man die Basics zum Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen nicht bereits in der Schule lernt. Denn so schwierig ist das eigentlich nicht - und so nützlich wäre es, seine miesen Gefühle zu hinterfragen, ehe sie uns plagen!


Lust zum Weiterlesen?

Beck (2013): Das Kognitive Modell. In: Beck (Hrsg.): Praxis der Kognitiven Verhaltenstherapie. Weinheim: Beltz. 45-47.

Hackemann (2016): Die Vorsokratiker. Von Demokrit bis Thales. Köln: Anaconca.

Olligschläger (2011): Die Gesundheit der Seele: Sokrates - Seneca - Epiktet. Antikes Denken, moderne kognitive Psychotherapie und die Biochemie unserer Gedanken. Berlin: Lit-Verlag.

Ryba/Roth (2019): Coaching und Beratung in der Praxis. Ein neurowissenschaftlich fundiertes Integrationsmodell. Stuttgart: Klett-Cotta.


44 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen